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Frank Lloyd Wrights Höhenwahn - The Mile High Illinois


Sollte ich über den amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright Resümee ziehen, müsste ich sagen: Ein genialer Geist aber auch ein verdammter Egoist! Denn beides war Wright auf jeden Fall – meine private Meinung, klar. Aber auch die zahlreicher Bewunderer und Skeptiker. Der 1867 geborene amerikanische Architekt hatte revolutionäre und bewundernswerte Ideen und wusste das auch. Er war ein Meister darin, selbst sein größter Bewunderer zu sein und ging jeder Mann forsch an, der meinte, er sei der wohl größte lebende Architekt. Was für eine Beleidigung, meinte Wright, denn schließlich sei er der größte und bedeutendste Architekt aller Zeiten. Etwas das er auch gerne und immer wieder unter Beweis stellte.


Ja, Frank Lloyd Wright hat wirklich großes geleistet. Ihm verdanken wir das Guggenheim Museum, das legendäre Falling Water – ein Haus, direkt über einem Wasserfall errichtet -, die fantastischen aber auch irgendwie menschenfeindlichen Präriehäuser und unzählige Ideen und philosophisch-architektonische Ansätze. Und unter letztere fallen vor allem seine unzähligen Projekte, die nicht umgesetzt wurden oder werden konnten. Über 1000 Skizzen befinden sich im Nachlass von Wright – mehr dazu beim Spiegel. Darunter hunderte Konstruktionspläne, Zeichnungen für Wohnkonzepte, moderne und mit ihrer Umgebung harmonierende Städte und bloße Ideen, die schnell hin gekritzelt wurden und noch zu entziffern sind. Seine wohl gigantischste, visionärste und gleichzeitig verrückteste Vision – jedenfalls für seine Zeit -, ist "The Mile High Illinois". Ein riesiger Wolkenkratzer oder besser ein Wolkendruchbrecher - der weit über Chicago hätte aufragen sollen. Denn der, von Wright erdachte, nadelartige Turmkomplex sollte 1,609 Meter hoch werden. Mit Antenne sogar 1,731 Meter. Damit wäre er rund doppelt so groß wie das Burj Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das gerade den Rekord für das höchste jemals von Menschen konstruierte Gebäude einfährt. Und das zu einer Zeit, in der das Empire State Building noch das höchste Gebäude der gesamten Welt war. Die Idee hierzu kam Wright, soweit bekannt, 1956 und er war sicher, dass sein Turm mit den damaligen Mitteln hätte gebaut werden können. Auf 528 Stockwerken, geschaffen aus Beton, Aluminium und rostfreiem Stahl, sollten 1.71 Millionenquadratmeter Wohn- und Arbeitsfläche entstehen. Genug um darin eine ganze Stadt unterzubringen und sämtliche Regierungsbehörden der USA. Schätzungen zufolge hätte der "The Illinois" tatsächlich etwa 100.000 bis 130.000 Menschen Platz bieten können. Dazu kämen noch 15.000 Parkplätze und 150 Landeplätze für Helikopter, die von wohlhabenden Mietern und Regierungsbehörden hätten gemietet werden sollten. Ein unvorstellbares Projekt. Doch eben eines, das seiner Zeit tatsächlich ernst genommen wurde. Schließlich stammte es von Frank Lloyd Wright, auch wenn dieser schon 89 Jahre alt war.

Ich glaube an Gott; nur nenne ich ihn Natur.
In gewisser Weise entspricht Wrights Meilenturm damit in Ansätzen der Vorstellung einer sogenannten Arkologie. Einem Konzept des populären und ebenfalls visionären Architekten Paolo Soleri, das sich durch eine konzentriert, hohe Population in einem weitestgehend abgeschlossenen künstlichen System und dadurch eine möglichst hohe Reduktion schädlicher Einflüsse auf die Umwelt auszeichnet. Oder kurz gesagt: Arkologien wären riesige in sich und weit von der Umwelt abgeschirmte Konstrukte, die als Städte dienen. Und das wäre "The Illinois" wohl gewesen. Zwar sind Wrights genaue Vorstellungen nicht gänzlich klar, doch hatte er mit Sicherheit geplant, dass sich die Bevölkerung des Turms hätte versorgen können, ohne ihr Riesengebäude zu verlassen. Und dass der Turm hätte im Ansatz autark funktionieren können. Supermärkte, Erholungsanlagen, Gärten etc. wären vorhanden gewesen. Allerdings: Wasser, Abwasser, Strom und Warenfluss, hierfür wäre weiterhin Zuwendung von der Außenwelt notwendig. Oder? Nicht unbedingt. Ingenieure dieser Zeit propagieren das Konzept "ein Atomreaktor für jeden Haushalt!" und auch Wright dachte darüber nach. Genug Bevölkerung um ein eigenes Atomkraftwerk zu rechtfertigen, wäre vorhanden gewesen. Doch wozu eigentlich dieser Riesenturm? Schließlich steht Frank Lloyd Wright doch für verträgliche, gar zenistische Architektur. Die Antwort darauf ist einfach: Der selbsternannte größte Architekt aller Zeiten hasste Großstädte und Metropolen; ihre unsteten Formen, das ungeordnete Treiben. Sein Erzfeind war bis zum Schluss der Traum eines jeden anderen Architekten: New York City. Er sah die Metropole am Hudson River stets als "bösartige Wucherung", wie er zitiert wird, als Tumor der modernen und urbanen Welt.

Gebaut wurde der Meilenwolkenkratzer nie. Die Gründe sind einfach: Solch ein Megaprojekt wäre nicht zu finanzieren gewesen. Dessen ungeachtet hätten sich dutzende weitere Probleme ergeben, über die der alternde Frank Lloyd Wright schwelgend in seiner eigenen Genialität hinweg sah - ebenso wie seine Bewunderer. So hätten Höhenwinde an der scharfkantigen Struktur des Gebäudes Luftwirbel erzeugt, die für störende und wohl auch gefährliche Vibrationen der Außenwände gesorgt hätten. Ein weiteres Problem hätte zur damaligen Zeit die Wasserversorgung dargestellt: Es wären unzählige und äußerst starke Pumpen notwendig gewesen, um über die gesamte Höhe des "Illinois" einen gleichmäßigen Wasserdruck zu gewährleisten. Auch die Klimatisierung der obersten Stockwerke wäre wohl durchaus Problematisch gewesen. Doch ein viel essentielleres Problem: Wie wären all die Menschen eigentlich in ihre Wohnungen und Arbeitsplätze gekommen? Natürlich durch Aufzüge. Doch wie Berechnungen zeigen, hätten diese derart viel Platz beansprucht, dass der Wohn- und Arbeitsraum geradezu astronomisch geschrumpft wäre. Die ersten Stockwerke hätten nahezu komplett für die Lifte genutzt werden müssen, um eine Versorgung aller anderen Etagen zu gewährleisten. Daher ersann Wright, 5-stöckige Lifte für bis zu 100 Personen an der Außenwand anzubringen, um die Belastung im Inneren des Gebäudes zu verringern. Doch das hätte das Problem lediglich reduziert und nicht gelöst. Weiter hatte Wright Fluchtwege für Brandfälle und Evakuierungen vernachlässigt und auch sonstige – vor allem heute – unablässige Bauvorschriften außen vor gelassen, die den Turm unnutzbar gemacht hätten.

Trotz Wrights Beteuerungen, der Turm wäre baubar gewesen, ist unbekannt ob er eine Realisierung gewollt hätte. Gar, ob seine Vision überhaupt ernst gemeint war. Wie manch einer seiner Berufskollegen, etwa der mexikanischen Architekt Max L. Cetto meint, habe Wright die Welt nur schocken und sich damit ein Denkmal für die Ewigkeit setzten wollen. Wright habe sich, meint der Mexikaner, mit seinem Mexikaner wahrscheinlich auf die ein oder andere Weise über "die Menschheit lustig gemacht."

Weitere Informationen:
Wikipedia zum Illinois , zu FLW / about.com / constructionweekonline / Spiegel-einestages / archrecord.construction.com

Pictures/Bilder: Danke an die Frank Lloyd Wright Stiftung und die Harvard University Graduate School of Design