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Weltraumkolonien - Visionäre Luftschlösser


Es war in den frühen Jahren der NASA, da bestimmte nicht das Machbare die nächsten großen Ziele, sondern alleinig die Vorstellungskraft. Schließlich hat doch gerade eben ein Amerikaner den ersten Schritt auf dem Mond getan; wenn das möglich ist, dann auch noch viel mehr. Das ist Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre die Meinung vieler bei der US-amerikanischen Weltraumbehörde - und die Bevölkerung der Weltmacht stimmt in diesen Kanon mit ein. Die Folge: Visionen von gigantischen Kolonien, die mitten im All errichtet werden würden und Abertausenden eine neue Heimat bieten könnten. Gigantische Zylinder aus Stahl und Glas, angefüllt mit künstlichen Seen, Wäldern, Atmosphäre und gigantischen Städten.
Nicht gerade unbeteiligt am Traum vom Leben im All ist Wernher von Braun, der Mann, der einst in Peenemünde für Hitler die V2 entwickelte. Doch ab 1950 stellt er sich in den Dienst der USA, konstruiert Raketen, ist Kernfigur des Apollo-Programms und wird schließlich stellvertretender Direktor der NASA. Von Braun besitzt trotz seiner Nazi-Vergangenheit ein unglaubliches Talent, die Amerikaner für sich und seine Ideen zu begeistern. Er tritt sogar an der Seite von Walter Disney in drei Fernsehsendungen auf, in denen er die seinigen und die Ziele des Raumfahrprogramms erklärt und schafft es damit, die Amerikaner mit seiner Euphorie an zustecken. Schon lange ist von Braun von künstlichen Lebensräumen im Kosmos überzeugt: schon 1952 publiziert das Collier's Magazin eine sechsteilige Serie über die Zukunft der Raumfahrt, bei der auch von Braun mitwirkt. Darin beschrieb er etwa eine ringförmige Raumstation mit einem Durchmesser von über 70 Metern. Diese, so glaubt er, wird eines Tages im Orbit kreisen und 80 forschende Astronauten beheimaten können – eine Idee, die er jedoch schon seit den 40er Jahren mit sich trägt, wie eine Sammlung seiner Arbeiten zu des zweiten Weltkriegs zeigt. So eine Station, das ist seine Vorstellung, könnte als Bahnhof zu anderen Himmelkörpern genutzt werden. Etwa als Sprungbrett zum Mond oder gar zum Mars. Eine Idee, die Stanley Kubrick wohl zum Design der Station in "2001 - Odyssee im Weltraum" inspirierte. Doch sind Wernher von Brauns Pläne und Kubricks Science-Fiction-Vision für Weltraumstationen geradezu bescheiden im Gegensatz zu dem, was sich andere erträumen und gar für machbar halten.

Einer davon ist der Physiker Gerard O'Neill von der Princeton University, ein weltbekannter Experte für Hochenergiephysik. Er selbst sieht großes Potential in der NASA und stellt sich 1969 einem Auswahlverfahren für zivile Astronauten bei dem er den Wissenschaftler und späteren Astronauten Brian O'Leary kennen lernt, mit dem ihn alsbald eine enge Freundschaft verbindet. Inspiriert durch Gespräche mit O'Leary, beginnt er sich intensiv mit den Aspekten der die Besiedlung des Alls zu beschäftigen. Etwas, dass ihn gar nicht mehr los lässt und mit seine Studenten teilt. In einem Sonderkurs stellt er die Frage, wie wohl die extraterrestrische Besiedlung vollzogen werden könnte und ob Pläne Mond und Mars als neue Heimat der Menschheit zu nutzen, die richtige Wahl sei. Schon bald kommen die Studenten mit O'Neill überein, dass die Antwort auf diese Frage ein schlichtes Nein ist. Zu unrentabel, zu unstete Bedingungen. Stattdessen, so die Schlussfolgerung des Kurses, sei eine frei im all schwebende Raumkolonie die bessere Alternative. Auf Basis der gewonnen Erkenntnisse erdenkt O'Neill erste Konzept einer solchen Kolonie, das nach und nach von ihm und seinen Anhängern immer weiter verfeinert wird.

Nach anfänglicher Skepsis von Kollegen und der Wissenschaftswelt finden seine Vision schließlich Anhänger und Unterstützer – und wecken letztlich auch das Interesse der NASA. Was sich der Physiker ausmalt ist schlicht überwältigend. Sein Meisterwerk ist neben schwebenden Wohnkugeln im All der O’Neill-Zylinder oder Island Three. Dies wäre ein gigantischer Zylinder von 32 Kilometern Länge und bis zu 8 Kilometern Durchmesser gewesen, konstruiert aus Stahl, Aluminium und Glas. Das Material hierfür soll vom Mond kommen und mit einer gigantischen, atomgetriebenen Magnetkanone von dessen Oberfläche ins All gefeuert werden. Im Inneren der Kolonie wäre mit knapp 400 Quadratkilometern Platz für Millionen Menschen. Und leben sollen diese dort wie auf der Erde – und zwar an den gekrümmten Innenwänden. Alles von Häusern, Seen bis hin zu Wäldern und Äckern für Landwirtschaft wäre vorhanden. Auf jeweils drei geraden Flächen wäre Wohngebiet, drei weitere wären riesige Fenster, durch die mit Hilfe ebenso großer Spiegel Sonnenlicht in das Innere gelenkt werden würde. Dank des gigantischen Innenraums hätte es sogar Wetter gegeben; Wolkenbildung und Regen wären möglich.






The cylinders are large enough to have weather, which could even be made to change with the seasons, perhaps depending on a colonist vote. - National Space Society

Gravitation hingegen sollte durch mächtige Kugellager an den Enden der Kolonien entstehen, die – wenn nötig – durch Raketen im Gang gehalten werden sollten. Strom? Kommt über abstrus große Solarkollektoren. O’Neills Kolonie sollte keine Kopie der Erde werden, sondern tatsächlich einen Ersatz darstellen.

Ein ähnlich gigantisches Konzept stammt von John Desmond Bernal, das er allerdings schon 1929 vorstellt und während seiner Studienjahre an der Stanford University zu den Projekten Island One und Island Two weiterentwickelt. Der Kern Bernals Raumstation wäre eine mit Sauerstoff gefüllte Hohlkugel von 1,6 Kilometern Durchmesser gewesen, die ebenfalls die Erde nachahmt. Wie bei O’Neill wären auch hier Wälder, Felder, Wiesen und Seen vorhanden. Kapazität? Etwa 10.000 bis 30.000 Kolonisten hätten Lebensraum gefunden. Die Wohnkugel sollte aber nicht frei im Raum schweben, sondern in einen Zylinder eingefasst sein, der für Rotation und damit auch für Schwerkraft sorgt und wiederum Technik-, Kommunikationsanlagen und Spiegel für Lichtzufuhr parat hält. Klassischer hingegen: Der Stanford-Torus. Sein Konzept wird 1975 auf einem Sommertreffen der NASA vorgestellt an der Stanford University präsentiert. Und wie schon bei Wernher von Braun soll hier ein Ring die Lösung darstellen, doch weitaus größer als sich das der deutsche Wissenschaftler gedacht hatte. 1,6 Kilometer sollte der Ringdurchmesser sein und damit 10.000 bis zu 140.000 Leute beherbergen können. Und auch hier: Wiesen, Wälder und Flüsse sollten sich durch die Kolonie ziehen und riesige Fenster für die Zufuhr von Sonnenlicht.

The interior space of the torus itself is used as living space, and is large enough that a "natural" environment can be simulated; the torus appears similar to a long, narrow, straight glacial valley whose ends curve upward and eventually meet overhead to form a complete circle. The population density is similar to a dense suburb, with part of the ring dedicated to agriculture and part to housing. - Wikipedia

In einzellnen Zylinderringen sollten zudem Agraranlagen und Hydrofarmen untergebracht werden.Und um Gravitation zu erzeugen, dreht sich der Ring einmal pro Minute um einen Kernelement in der Mitte, das über Speichen mit dem Ring verbunden ist. Hier wäre auch eine Station und Hafen für Raumfähren gewesen.

Geworden ist aus keinem dieser Visionären Konzepte etwas. Auch wenn die Macher dies damals tatsächlich anders sahen. So schreibt der Spiegel etwa am 01.09.1975:

Die Idee einer Raumstation für 10 000 Menschen liegt im Bereich des schon jetzt technisch Möglichen. Zu diesem Schluß kam eine Gruppe von 28 Professoren und Technikern, die das Problem im Auftrag der Stanford University und der Nasa untersuchte.

Weitere Informationen:
Space Colonization / Space Habitat / Stanford Ttorus nss.org /

Pictures/Bilder alle Public Domain

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Muß es hier mal eines loswerden, das ist eine echt tolle Seite! Bin über den Duke Nukem Artikel hierhergekommen und hab mir jetzt auch noch das hier über Weltraumkolonien durchgelesen. Super lange alles. dafür aber spannend. Leider ists hier sonst noch leer... hoffe das wird noch.

Gruß aus der Steiermark